Loenka vom Oskolufer
Aleksej Pjaniza wurde am 15. April 1944 in der Ukraine, im Dorf Senkowo, das im Kulinskij Bezirk, Charkowskaja Gebiet liegt, waehrend des Deutsch-Sowjetischen Krieges geboren. Sein Vater Trofim Danilovich Pjaniza war ein sehr haeuslicher, aber von den anderen eher abgeschieden lebender Mensch. Er arbeitete nicht in der Kollektivwirtschaft und ernaehrte sich davon, dass er Post austrug, angelte und Eimer und Toepfe verzinnte. Er nahm an zwei Kriegen teil, was in ihm tiefe Spuren hinterliess. Im Deutsch-Sowjetischen Krieg wurde er nach einer Verletzung ausgemustert. Fuer seinen harschen Charakter und seine Menschenscheu wurde er von seinem Sohn «Kugut» genannt — so werden in der Ukraine einfache, kurzsichtige und verschlossene Bauern genannt.
...Er wuchs auf und keiner fragte ihn, ob er genug gegessen hatte. Ging er irgendwo zu Besuch — ass er, und wenn nicht — dann blieb er hungrig. Der Grossvater war ein sehr schwieriger Mann. Er lebte bis zu seinem 98zigsten Lebensjahr. Ein sehr schwieriger Mann war er.

Wladimir Sarudnyj, der aeltere Sohn


...Er wuchs auf und keiner fragte ihn, ob er genug gegessen hatte. Ging er irgendwo zu Besuch — ass er, und wenn nicht — dann blieb er hungrig. Der Grossvater war ein sehr schwieriger Mann. Er lebte bis zu seinem 98zigsten Lebensjahr. Ein sehr schwieriger Mann war er.

Wladimir Sarudnyj, der aeltere Sohn

...Er erzaehlte: Kinder verlassen das Haus nach den Ferien — jemand nimmt Piroggen oder andere Lebensmittel mit. Ich dagegen ging in den Garten und nahm einen vollen Koffer Aepfel und Pflaumen mit und ass sie 5 Tage lang. Weisst du, danach konnte ich keine Pflaumen mehr essen.

Svetlana Sarudnaja, Ehefrau

In der Familie waren nach damaligem Brauch sehr viele Kinder, aber in der schwersten Nachkriegszeit konnten nur zwei ueberleben — Aleksej, das kleinste Kind, und seine aeltere Schwester Sofja. Man ist nicht verhungert, weil das Dorf Senkowo am Ufer des Flusses Oskol steht. Nun ist dieser Teil des Flusses zu dem Wasserspeicher Tscherwonooskolskoje geworden. Nachts angelten die Eltern und konnten so den kleinen Loenka und seine Schwester ernaehren.
…Es war eine Notzeit, sie konnten nur deshalb ueberleben, weil Mutter und Vater nachts angelten. Gefangene Fische wurden abgeschuppt und getrocknet — so konnte allmaehlich ein Jahresvorrat gesichert werden. Daher lockte ihn Fisch einerseits, aber andererseits dachte er mit Ekel an die Fischsuppe, gedaempften Fisch, so oder anders zubereitet.

Wladimir Zarudnyj, der aeltere Sohn

…Es war eine Notzeit, sie konnten nur deshalb ueberleben, weil Mutter und Vater nachts angelten. Gefangene Fische wurden abgeschuppt und getrocknet — so konnte allmaehlich ein Jahresvorrat gesichert werden. Daher lockte ihn Fisch einerseits, aber andererseits dachte er mit Ekel an die Fischsuppe, gedaempften Fisch, so oder anders zubereitet.

Wladimir Zarudnyj, der aeltere Sohn
Trotz Ort und Zeit war Aleksejs Mutter Darja Amosowna eine recht zukunftsorientierte und pragmatische Frau. Sie wusste ganz genau, dass Kinder als erstes Bildung brauchen, um in der Zukunft bestehen zu koennen. Sofja studierte daher an einem medizinischen Institut und die geringen ersparten Mittel der Familie wurden ihr zugesandt. Als Aleksej 14 Jahre alt wurde, starb seine Mutter. Vor dem Tod konnte sie aber den Traum ihres Sohns erfuellen. Von klein auf mochte er naemlich sehr die Kunst, Malen und Musik, und er bekam von der Mutter ein wertvolles Geschenk — ein Knopfakkordeon. Abgesehen davon, dass er spaeter Malerei waehlt, wird dieses Knopfakkordeon zu seiner stetigen und staendigen Begleitung, wo immer Aleksej Pjaniza war. Es war eine Erinnerung an seine Mutter, die so frueh verstarb.
…Die hatten im dortigen Staedtchen einen Knopfakkordeonspieler, Harmonikaspieler. Der hatte eine Harmonika. Er kehrte nach dem Krieg, wo er behindert wurde, zurueck. Ich blieb, sagte er, wie angewurzelt, stehen. Ich stand und hoerte zu, wie er spielte. Und mein Traum war es, natuerlich, auch eine Harmonika zu haben.

Eduard Sarjanskij, ein Freund und Lehrer


…Die hatten im dortigen Staedtchen einen Knopfakkordeonspieler, Harmonikaspieler. Der hatte eine Harmonika. Er kehrte nach dem Krieg, wo er behindert wurde, zurueck. Ich blieb, sagte er, wie angewurzelt, stehen. Ich stand und hoerte zu, wie er spielte. Und mein Traum war es, natuerlich, auch eine Harmonika zu haben.

Eduard Sarjanskij, ein Freund und Lehrer

Von der Mutter blieb ihr Maedchenname – Sarudnaja –, den werden spaeter, nach vielen Jahren Wladimir und Wiktor, die Kinder von Aleksej Trofimowitsch, annehmen. Woher ein fuer russische Ohren nicht besonders gewoehnlicher Familienname Pjaniza kam – dafuer gibt es mehrere Versionen („Pjaniza" heisst so viel wie „Saeufer" auf Russisch – Anm. d. Uebers.). Laut einer Version, war einer der Vorfahren, ein ukrainischer Mueller. Die Arbeit des Muellers ist es, wie man sagt – wer auf dem Boden liegt, wird nicht angegriffen, - von den Bauern Koerner zu bekommen, in den Mahlgang zu schuetten und ein Zehntel fuer sich abzumessen; dann zu liegen und zu warten, bis das Mehl fertig ist – und man kann trinken. Jedoch, abgesehen von dem „sprechenden" Namen und den Traditionen jener Oertlichkeit, wurde Alkohol in Trofim Danilowitschs Familie nicht geschaetzt.

Was den Familiennamen der Mutter angeht, gibt es in der grossen Familie eine Sage, dass der Name auf den weltweit beruehmten Architekten Ivan Sarudnyj zurueckzufuehren ist, der Ende des 17. - Anfang des 18. Jahrhunderts lebte. Dieser Architekt nahm an Projekten und der Errichten Dutzender von Gebaeuden teil, die die historische Gestalt des heutigen Moskaus bestimmen. Nach einer der Versionen wurde er in der Ukraine bei Charkow geboren. Dieser Zusammenhang koennte durchaus begruendet sein, weil Aleksej seine Sehnsucht nach Kunst unter anderem auch dank seiner Gene haben koennte.
...Den Vater zogen Architektur, Bildhauerei und andere Bereiche an. So wie ich es sehe, speziell diese Tatsache bestaetigt den Zusammenhang mit der Vergangenheit, mit der damaligen Generation der Familie Sarudnyjs. Ich kann es nicht genau belegen, aber meinen Kindern erzaehle ich, dass es diesen Zusammenhang gibt.

Wiktor Sarudnyj, der juengere Sohn


...Den Vater zogen Architektur, Bildhauerei und andere Bereiche an. So wie ich es sehe, speziell diese Tatsache bestaetigt den Zusammenhang mit der Vergangenheit, mit der damaligen Generation der Familie Sarudnyjs. Ich kann es nicht genau belegen, aber meinen Kindern erzaehle ich, dass es diesen Zusammenhang gibt.

Wiktor Sarudnyj, der juengere Sohn

Nach dem Schulabschluss verlaesst der 17-jaehrige Aleksej, eine romantische und begeisterte Persoenlichkeit, die hochsommerliche Ukraine und zieht in das raue Sibirien. In der Abschlussklasse verliebt er sich in eine Mitschuelerin, und als diese nach Tomsk umzieht, kauft er sich fuer sein letztes Geld eine Fahrkarte und faehrt zu ihr. Doch das Maedchen schaut den entflammten Jungen an ihrer Tuer nur mit grossen Augen an und lehnt seine gluehenden Offenbarungen ab. Da passiert wahrscheinlich zum ersten Mal eines der Dutzenden Ereignisse, die zufaellig zu sein scheinen, die jedoch einen tieferen Sinn haben und den inneren Kern des kuenftigen Malers weiterentwickelten, eines der Ereignisse, die den Lauf seines Lebens bestimmten.

Anstatt nach Hause zu kehren und seinen Vater um Unterstuetzung zu bitten, findet Aleksej eine Arbeit im dortigen Strassenbahndepot. Die schwerste koerperliche Arbeit, Asphalt legen, Eisenbahn bauen, Rad-Paare ausdrehen, erstes Geld bekommen, im Wohnheim wohnen… Pjaniza haelt durch, er hat ein Dach ueber dem Kopf und etwas Lebensunterhalt. Aber er hat die Worte der Mutter im Kopfe – sie sagte, dass Bildung die Hauptsache ist. Und er trifft schnell eine andere, aber grundlegende und, wie sich spaeter herausstellt, schicksalsvolle Entscheidung.
...Er fuhr hin und wurde aufgenommen. Und er studierte sehr gut. Er erzaehlte: weisst du, es war auch nicht moeglich, schlecht zu studieren, denn die Dozenten kontrollierten uns Tag und Nacht. Hausaufgaben machten wir auch.

Swetlana Sarudnaja, Ehefrau

...Er fuhr hin und wurde aufgenommen. Und er studierte sehr gut. Er erzaehlte: weisst du, es war auch nicht moeglich, schlecht zu studieren, denn die Dozenten kontrollierten uns Tag und Nacht. Hausaufgaben machten wir auch.

Swetlana Sarudnaja, Ehefrau
Zufaellig erblickte der junge Arbeiter des Strassenbahndepots eine Anzeige, in der es hiess – In Irkutsk werden in die dortige Militaerflugtechnische Schule Studenten aufgenommen. Aleksej Trofimowitsch war von Flugzeugen genauso wie vom Malen von klein auf begeistert. Das kann man gut durch die Tatsache erklaeren, dass es in der Nachkriegszeit war keinen Beruf gab, der so romantisch, wie Pilot zu sein, war und damals gab es noch keinen Gagarin mit seinem „Auf geht's!".

Wieder sammelte Aleksej sein letztes Geld und sein neuer tollkuehner Spurt von anderthalb tausend Kilometer brachte ihn nach Irkutsk. Die Aufnahmepruefungen haelt er ausgezeichnet aus, aber da hat er wieder Pech – Fristen, die fuer die Aufnahme gesetzt sind, werden nicht eingehalten. Nun nuetzt ihm sein Talent – er hilft bei der Gestaltung einer Wandzeitung und macht es so gruendlich und malerisch, dass die buerokratischen Barrieren keine Bedeutung mehr haben. Im Juli 1962 wird Aleksej Pjaniza zu einem Schueler der Militaerflugtechnischen Schule in Irkutsk.
...Die Armee war fuer ihn eine Rettung. Dort konnte er Kleidung, Schuhe, Geld bekommen, dort wurde gesagt, was man machen soll. Fuer ihn war das natuerlich eine Eintrittskarte ins Leben.

Wladimir Sarudnyj, der aeltere Sohn


Wie Nahestehende von Aleksej Trofimowitsch sagten, malte er von nun an die ganze Zeit – fuer die Arbeit und auf der Arbeit. Ein erstaunliches Schicksal ermoeglichte es ihm, den Militaerdienst und die Kunst auf die ungewoehnlichste Weise zu verbinden. Er gestaltete rote Ecken und Komsomolraeume, Evakuierungsplaene und zahlreiche Anschauungsmaterialien und noch mehr Karten und Gelaendeschemen zusammen mit gross angelegten Entwuerfen – das erforderte ein aussergewoehnliches Koennen. Von diesem Koennen, sowie noch mehr von dem schoepferischen Drang hatte der gemeine Soldat und nach dem Abschluss der militaerischen Ausbildung zum Unterleutnant befoerderte Pjaniza mehr als genug.
...Das war wahrscheinlich der Sinn des Lebens. Ueberall wo er war, machte er verschiedene Skizzen, selbst als er noch ganz jung war. In der U-Bahn hat er sogar gemalt. Das einzige war – er hat weder Kinder noch mich gemalt. Er glaubte, dass derjenige, den er malt, gleich sterben wird.

Swetlana Sarudnaja, Ehefrau

...Unter meinen Freunden, Nicht-Landsleuten war, zum Beispiel Aleksej Pjaniza. Er soll besonders erwaehnt werden. Aleksej konnte ausgezeichnet Karikaturen (insbesondere ueber unser Flugschulleben) malen und Knopfakkordeon spielen. Nach der Beendigung der Schule belegte er die erste Leistungsklasse in der Gymnastik.

Eduard Kokotek, ein Abgaenger der Militaerflugtechnischen Schule in Irkutsk 1965


...Unter meinen Freunden, Nicht-Landsleuten war, zum Beispiel Aleksej Pjaniza. Er soll besonders erwaehnt werden. Aleksej konnte ausgezeichnet Karikaturen (insbesondere ueber unser Flugschulleben) malen und Knopfakkordeon spielen. Nach der Beendigung der Schule belegte er die erste Leistungsklasse in der Gymnastik.

Eduard Kokotek, ein Abgaenger der Militaerflugtechnischen Schule in Irkutsk 1965

In der Flugschule bildete sich Aleksej zum Flugtechniker aus, aber diesen Beruf konnte er im Leben kaum ausueben. „ Ich fragte ihn, ob er ein einziges Mal im Leben ein Flugzeug repariert hat" – erzaehlt der juengere Sohn des Malers, Wiktor Sarudnyj. „Er antwortete, dass er nur einmal im Leben geholfen hat, den Motor abzumontieren. Fuenf Jahre in der Flugschule, acht Jahre im Dienst und er montierte nur einen einzigen Motor ab!". „Selbst als er Flugtechniker war, und es war sein Beruf in der Schule, selbst dann hat er immer gemalt", - sagt sein aelterer Sohn Wladimir.

Nach dem Schulabgang in Irkutsk mussten die jungen Leutnants zum Dienst in verschiedene Ecken der Sowjetunion geschickt werden. Aleksejs Drang, Querdenken und Offenheit bringen ihm wieder Glueck. Als der Unterleutnant Pjaniza gefragt wurde, wohin er gehen moechte, antwortete er: „Nach Fergana!". Nicht in die Hauptstadt, nicht ins Kulturzentrum Leningrad und nicht in die Ukraine, sondern in das ferne und damals – im Vergleich zu heute – wildere Usbekistan.

Warum ausgerechnet Usbekistan? Aleksej Trofimowitsch sagte, dass ihm der ungewoehnlich schoene Name der Stadt gefiel. Waren es vielleicht auch das warme Klima, die fruchtbaren Gaerten Mittelasiens, Basare, suesse Pfirsiche und Weintrauben, die den jungen Mann lockten, der zu Hause staendig Hunger hatte und in Tomsk und Irkutsk fror? Es ist nun unmoeglich, das genau zu sagen, aber die Frau, die an der Spitze der leitenden Kommission stand, laechelte und sagte: „Du bekommst Fergana!". Und schickte ihn… nach Moskau.
...Und wissen Sie was, er hatte sehr gute Freunde aus seiner Flugschulkompanie, aber hier, in Moskau und im Umkreis Moskaus hatte er fast keine Freunde. Alle gingen in verschiedene Staedte der Sowjetunion.

Swetlana Sarudnaja, Ehefrau